IT-Outsourcing: Symptom des Informatikermangels?

März 19, 2008 at 10:37 | In Nicht kategorisiert | 1 Comment

Wie Rolf in seinem Kommentar zu meinem Eintrag „Motivation“ angedeutet hat, sind die Motive fürs outsourcen im Informatikbereich nicht so eindeutig, wie es in der Eröffnungsrede der informatica08 dargestellt wurde.

In der Diplomarbeit Realoptionsanalyse zur Bewertung von
IT-Outsourcing-Projekten
, die im Jahre 2006 von einem Studenten der Universität Zürich erarbeitet wurde, bin ich auf einen interessanten Zugang zum Thema Outsourcing gestossen.

Ich möchte mich auf das Kapitel, das sich mit den Motiven fürs Outsorucing befasst, beziehen.

Als Hauptmotive führt er die Kostenreduktion, den Zugang zu Know How, durchgehende Arbeitszeit (24/7), erhöhte Flexibilität (=Handlungsoptionen) und Zugang zu Universitäten des Gastlandes auf.

Weitere Motive sind in einer Tabelle zusammengefasst, die ich im Dokument tabelle_outsourcing neu dargestellt habe.

Laut dieser Diplomarbeit ist die Personalknappheit tatsächlich ein Grund für Outsourcing-Projekte.

Nachdem ich weitere Quellen durchgelesen habe, ist mir aufgefallen, dass fast in jedem Artikel Personalknappheit bzw. mangelnde Qualifizierung des Personals Gründe fürs Outsourcing sind. Doch die Ursache für diesen Mangel wird nicht nur bildungspolitisch begründet, sondern auch aus finanzieller Sicht beleuchtet. Zudem ist die Gewichtung je nach Artikel unterschiedlich stark.

Prof. Frank Koch, Leiter Zentrum für Wirtschaftsinformatik, Zürcher Hochschule Winthertur spricht in dem Artikel „Offshoring und die IKT-Branche – ein folgenreiches Zusammentreffen“ die Motivation hinter IKT-Offshoring an. Dabei zeigt er zwei Dimensionen des Personalmangels auf: die Qualifikation des Personals als Kostenfaktoren, sowie der Bedarf an Informatikern, der durch die Abgängerzahlen der Hochschulen nicht gedeckt werden kann.

In einer Marktrecherche zum Thema IT-Outsourcing wird im Bereich Personal die mangelnde Qualifikation der eigenen Mitarbeiter in Vordergrund gestellt. Mit 14% liegt die Gewichtung dieses Grundes hinter den Gründen „Kosten“ [33%], Konzentration auf Kernkompetenz [19%] und Qualität mit 17%.

In der Studie „Outsourcing 2007“ wird ein anderes Bild vermittelt. Der Zugang zu besonders spezialisierten externen Ressourcen und Fähigkeiten wird von Entscheidungsträgern betroffener Unternehmen als zweitbedeutenster Grund angegeben.

Auch der Artikel „Sind Outsourcing und Offshoring die neuen Heilmittel bei
Informatik-Problemen?“
gewichtet den anhaltenden Mangel von Informatik-Fachkräften bei der Analyse der Gründe für Outsourcing erstaunlich stark.

Eine interessante Sichtweise bringt der Artikel „Outsourcing nach Indien:
der Tiger auf dem Sprung“
mit ein. Die Engpässe beim Nachwuchs scheinen nicht nur Probleme der westlichen Welt zu sein. Nach diesem Artikel zu urteilen, erwartet Indien eine ähnlich negative Entwicklung im Bereich Informatik-Nachwuchs und Qualität der Ausbildung. Es folgt der Ruf nach einer Informatik-Grundausbildung in frühen Schulstufen.

Es wäre interessant zu vergleichen, ob und wenn ja welche Massnahmen die indischen Politisierenden dieser Problemstellung nachfolgen lassen im Gegensatz zu den Politisierenden in der westlichen Welt.

„Wenn die Arbeit nach Osten wandert“ zeigt eine neue Dimension der Herausforderung Outsourcing auf: die langfristige Überalterung der westlichen Gesellschaft. Er deutet darauf hin, dass das Outsourcing mehr Gutes als schlechtes bringt, da es in Indien Millionen von bildungshungrigen Kindern gebe, die nur darauf warten, die beste Berufsausbildung zu erhalten.

Diese Artikel zeigen auf, dass die Wahrnehmung des Personalmangels als Problem unterschiedlich aufgenommen wird. Zudem zeigen sie auf, dass das Outsourcing mannigfaltige Gründe hat und verschiedene Dimensionen der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Etnwicklung tangiert.

Die Problemstellung „Informatikstandort CH“ hat also mit vielen Faktoren zu kämpfen. Im nächsten Beitrag möchte ich mich dem Thema „Frauen und IT“ widmen und so mehr in gesellschaftliche Dimensionen vordringen.

1 Kommentar »

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  1. Hoi Rea

    Ich habe auch schon die an die Möglichkeit gedacht, dass in ferner Zukunft die Asiaten die Arbeit in das „Billiglohnland Schweiz“ outsourcen könnten, wenn sie uns wirtschaftlich überholt haben werden. Aber das wird noch eine Weile dauern.
    In diesem Zusammenhang finde ich den Artikel von Frank Koch interessant, der die Thesen aufwirft, dass nicht bloss die repetitiven Arbeiten nach Indien ausgelagert werden, sondern dass die Inder(innen) den Westen in Bälde auch in den Bereichen Innovation überholen könnten.
    Dass in Indien mehr schlaue Köpfe vorhanden sind, liegt ja vor allem an der Masse der Bevölkerung.
    Der sich trotzdem abzeichnende Mangel an Fachkräften ist auch auf die Abwanderung zurückzuführen, wie dem Research Paper der Deutschen Bank zu entnehmen ist.
    Und die Probleme bezüglich Infrastruktur, die ökonomischen, sozialen und politischen Unsicherheiten werden sich in Zukunft eher verschärfen, z.B. aufgrund der sich weitenden Kluft zwischen Arm und Reich in Indien selber.
    Deshalb denke ich, dass wir im Westen, wenn wir die Informatikförderung konsequent und nachhaltig betreiben, auch in Zukunft gute Chancen auf dem IT-Markt haben können.


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